Startseite/Smart City, Startseite Smart-City/Optimale Infrastruktur für Fahrrad & E-Bike

Fahrräder und E-Bikes stehen für gesunde und nachhaltige individuelle Fortbewegung und sind ein zunehmend wichtiger Baustein moderner Mobilitätskonzepte. Deshalb verfolgen Bund, Länder und sehr viele Kommunen das Ziel den Radverkehrsanteil deutlich zu steigern. Unabdingbare Voraussetzung dafür ist eine Infrastruktur, die eine sichere Teilhabe für alle ermöglicht und sowohl Fahrräder und E-Bikes, wie auch ein- oder mehrspurige Lastenräder und neue Mobilitätsformen, wie E-Scooter, berücksichtigt. Umfragen und Statistiken zeigen, dass Fahrräder und E-Bikes hierzulande nicht nur gerne in der Freizeit, sondern auch für tägliche Wege genutzt werden. Zum Beispiel zum Arbeitsplatz, zur KiTa, zur Schule oder Ausbildungsstätte, für Erledigungen oder als Zubringer zu Bahn und ÖPNV.

EXPERTENBEITRAG

Handlungsempfehlungen für Kommunen, Verkehrsplaner und politisch Verantwortliche

Optimale Infrastruktur für Fahrrad & E-Bike

19.04.2021 | Autor: David Eisenberger

Fahrräder und E-Bikes stehen für gesunde und nachhaltige individuelle Fortbewegung und sind ein zunehmend wichtiger Baustein moderner Mobilitätskonzepte. Deshalb verfolgen Bund, Länder und sehr viele Kommunen das Ziel den Radverkehrsanteil deutlich zu steigern. Unabdingbare Voraussetzung dafür ist eine Infrastruktur, die eine sichere Teilhabe für alle ermöglicht und sowohl Fahrräder und E-Bikes, wie auch ein- oder mehrspurige Lastenräder und neue Mobilitätsformen, wie E-Scooter, berücksichtigt. Umfragen und Statistiken zeigen, dass Fahrräder und E-Bikes hierzulande nicht nur gerne in der Freizeit, sondern auch für tägliche Wege genutzt werden. Zum Beispiel zum Arbeitsplatz, zur KiTa, zur Schule oder Ausbildungsstätte, für Erledigungen oder als Zubringer zu Bahn und ÖPNV.

Der zunehmende Radverkehr erfordert neue Mobilitätskonzepte
© Zweirad-Industrie-Verband

Gerade die Beliebtheit von E-Bikes wächst dynamisch und hat inzwischen alle Modellgruppen im Fahrradsektor erfasst. Wir schätzen, dass der Anteil im deutschen Fahrradmarkt mittelfristig 40 Prozent betragen wird. Schon heute wächst der Bestand jährlich um über eine Million E-Bikes. Sie erlauben längere Wegstrecken und höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten und eröffnen in den Städten und auf dem Land neue Mobilitätsoptionen. Sprunghaft gestiegen sind, dank Motorunterstützung und Förderprogrammen, auch die Verkaufszahlen von Lastenrädern. Sie ermöglichen im privaten Bereich vor allem für Familien und im gewerblichen Bereich, zum Beispiel bei Radlieferdiensten, eine gesunde und nachhaltige Mobilität – selbst in Regionen mit anspruchsvollen Topographien.

In der Praxis werden Nutzer und potenzielle Umsteiger hierzulande jedoch mit vielen Problemen konfrontiert: Angefangen von nicht vorhandenen, schlecht ausgebauten oder viel zu schmalen Radwegen, die dazu mit neuen Mobilitätsformen wie E-Tretrollern geteilt werden müssen, über unübersichtliche oder gefährliche Verkehrsführungen, bis hin zu fehlenden Abstellflächen und Fahrverboten für schnelle E-Bikes 45 (S-Pedelecs).

Der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) hat deshalb Handlungsempfehlungen für Kommunen, Verkehrsplaner und politisch Verantwortliche erarbeitet, um die Herausforderungen an eine optimale Infrastruktur für Fahrräder und E-Bikes gemeinsam anzugehen.

Sicherheit

Die Bundesregierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag mit „Vision Zero“ der deutlichen Reduzierung von Schwerverletzten und Toten im Straßenverkehr verpflichtet. Aktuelle Daten zeigen, dass die Unfallzahlen mit Beteiligung von Radfahrern auf einem hohen Niveau stagnieren, bzw. zuletzt so-gar deutlich angestiegen sind. Unserer Auffassung nach muss eine gute Infrastruktur so sicher, eindeutig und übersichtlich sein, dass sie zum Radfahren einlädt, zum Umstieg aufs Rad motiviert und für alle, das heißt auch Unsichere, wie ältere Menschen und Kinder, geeignet ist. Im Hinblick auf eine sichere Infrastruktur für Rad- und E-Bike-Fahrer empfehlen wir u.a. folgende Maßnahmen:

Gut ausgebaute Infrastrukturen und Novellierung der Straßenverkehrsordnung bringen mehr Sicherheit

© Zweirad-Industrie-Verband

  • Festschreibung konkreter Ziele und Maßnahmen im Hinblick auf die Verankerung einer sicheren Infrastruktur im Nationalen Radverkehrsplan
  • Strikte Einhaltung, flächendeckende Kontrolle und zeitgemäße Fortentwicklung der Regelwerke, z.B. Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen (RASt), Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA), weitere Novellen der Straßenverkehrsordnung (StVO) und Vorhaben zur Reform des Straßenverkehrsgesetzes (StVG).
  • Verbesserung der Fahrradinfrastruktur für einen sicheren Radverkehr für alle, von jung bis alt, sowie für E-Bikes 25, Lastenräder und schnelle E-Bikes 45.
  • Mehr Radwege in angemessener Breite und Qualität, übersichtliche Streckenführung und Kreuzungsgestaltung, bessere Sichtbeziehungen, Entzerrung der Verkehrswege z.B. durch getrennte Radwege oder Protected Bikelanes, flächendeckende Einrichtung von Fahrradstraßen und Rad­schnellwegen.
  • Verpflichtende Einführung und konsequente Weiterentwicklung aktiver und passiver Sicherheitssysteme zum Schutz von Fahrrad- und E-Bike-Fahrern, wie zum Beispiel Abbiege- und Notbremsassistenten, Aufprallschutz o.ä.
  • Festsetzung adäquater Bußgelder (z. B. Radwegparken), konsequenter Kontrollen (z.B. überhöhte Geschwindigkeit) und Kam­pagnen zur Aufklärung (z.B. Mindestabstand beim Überholen).
  • Förderung von Radfahrkursen zum Erlernen, bzw. Verbessern der Fahrtechnik und der Kenntnis der Verkehrsregeln und zur Vermeidung von Gefahrensituationen, insbesondere für Kinder, Ältere und E-Bike-Nutzer aufgrund der besonderen Fahrdynamik.
  • Prüfung und Einführung neuer digitaler Systeme, die zu einer Verbesserung der tatsächlichen Sicherheit und/oder des subjektiv empfundenen Sicherheitsgefühls beitragen.

Auch die Fahrradindustrie stellt sich ihrer Verantwortung, um die Sicherheit für Rad- und E-Bike-Fahrer zu erhöhen. Beispiele sind die Erarbeitung nationaler und europäischer Sicherheitsstandards inklusive umfassender Prüfnormen vom Kinderrad bis zum E-Lastenrad oder Maßnahmen gegen gesetzlich verbotenes E-Bike-Tuning.

Vernetzung

Das Mobilitätsverhalten wird heute immer mehr von Intermodalität, also der Nutzung unterschiedlicher Verkehrsträger für eine Wegstrecke, geprägt. Besonders stark entwickelt sich dabei die Kombination von Fahrrädern und E-Bikes mit dem ÖPNV. Die Potenziale werden besonders in den Niederlanden sichtbar: Jeder zweite Bahnnutzer kommt hier mit dem Fahrrad zum Bahnhof und aktuell entstehen hier die größten Fahrradparkhäuser der Welt. Dazu empfehlen wir folgende Maßnahmen und Aktivitäten:

  • Sichere und preiswerte Abstellmöglichkeiten an Haltepunkten und Bahnhöfen zur Stärkung der Zubringerfunktion von Fahrrädern und E-Bikes zur Bahn.
  • Barrierefreie Mitnahmemöglichkeiten von Fahrrädern und E-Bikes. Beispiele: Fahrradschienen auf Treppen, Reduzierung der Einstiegshöhen, mehr Abstellplätze in Bahnen, Fahrradträger oder Transportanhänger an Bussen sowie Freigabe von E-Bikes 45 zur Mitnahme in ÖPNV und Bahn.
  • Optimierte Vernetzung mit anderen Verkehrsmitteln. Beispiele: Entwicklung von Bahnhöfen und zentralen ÖPNV-Haltepunkten zu „Mobilitätshubs“, z. B. verbunden mit Sharing-Angeboten.
  • Verbesserte Navigationslösungen für intermodalen Verkehr zur flexiblen individuellen Planung und Anpassung von Wegstrecken und Verkehrsmitteln, zum Beispiel nach äußeren Gegebenheiten (Jahreszeit, Wetter, Staus).
  • Echtzeit-Kommunikation mit Fahrplänen des Nahverkehrs und Darstellung auf dem Smartphone oder direkt auf dem E-Bike-Display.
  • Einbindung von E-Bikes und Lastenrädern in die Städteplanung als emissionsfreie nachhaltige Mobilitäts- und Logistiklösung. Beispiele: Abstell- und Lademöglichkeiten, Einrichtung von Fahrradstraßen, Radvorrangrouten und Radschnellwegen.
  • Leih- und Servicestationen an wichtigen Bahnknotenpunkten. Beispiel: Hauptbahnhöfe in Ballungszentren.
  • Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen kommunalen Verbänden, Verkehrsverbünden und der Bahn, um für die weiter zunehmende Zahl interkommunaler Pendler attraktive intermodale Angebote zu schaffen.

Abstellen

Moderne Fahrräder und E-Bikes sind hochwertige und entsprechend wertvolle technische Produkte. Umso wichtiger ist der Schutz vor Entwendung, Teilediebstahl und Vandalismus. Dazu sind aus unserer Sicht folgende Maßnahmen erforderlich, die zum Teil bei unseren europäischen Nachbarn seit langer Zeit zum Standard gehören. Unsere Empfehlungen:

Parkboxen nicht nur in Innenstädten erhöhen den Schutz vor Diebstahl
© Zweirad-Industrie-Verband
  • Bau von überwachten Fahrradparkhäusern. Insbesondere in Verbindung mit Park-and-ride-Angeboten können Parkhäuser mit Abstellmöglichkeiten für Fahrräder, E-Bikes und Lastenräder, ggf. inklusive Ladestationen und Serviceangeboten, einen Beitrag zur Entlastung der Innenstädte leisten.
  • Bereitstellung von abschließbaren Einstell-Garagen und/oder abgeschlossenen, überdachten Arealen mit personifiziertem Zugang, z.B. an Bahnhöfen und S-Bahn-Stationen. Abschließbare Fahrradboxen zur Miete, vor allem an wichtigen ÖPNV-Knotenpunkten.
  • Anpassung des rechtlichen Rahmens, um im urbanen Wohnumfeld mehr Abstellmöglichkeiten für Fahrräder und E-Bikes zu schaffen z.B. durch Abstellboxen in Wohnstraßen und die Vermietung an Anwohner. Beispiele: Landesbaurecht, kommunale Stellplatzverordnung, Umnutzung von Parkflä­chen für Pkws.
  • Flächendeckendes Angebot geeigneter Möglichkeiten zum Anschließen hochwertiger Räder, an zentralen Stellen inklusive Umfallschutz.
  • Gezielte Verfolgung professioneller Diebes- und Hehlerbanden und Unterstützung bei der Sicherstellung von gestohlenen Fahrrädern und E-Bikes durch GPS-Ortung.
  • Planung und Einrichtung besonders dimensionierter Abstellmöglichkeiten für Cargobikes. Sie benötigen mit einer Breite von ca. einem halben bis maximal zwei Metern für zweispurige Fahrzeuge, gemäß StVZO, ausreichend Platz und die Möglichkeit, sie auch über Nacht sicher anzuschließen.

Die Fahrrad-/E-Bike-/Komponenten- und Zubehörindustrie bietet in Zusammenar­beit mit dem Handel erprobte Systeme an, wie zum Beispiel einen E-Bike Pass, zur Erfassung von Rahmennummern oder elektronischen Fahrzeugdaten, hochfeste alarmgesicherte Schlösser sowie im Fahrrad oder E-Bike integrierte GPS-Systeme, mit deren Hilfe entwendete Fahrzeuge geortet werden können. Gegen professionell operierende Banden, Teilediebstahl oder Vandalismus bieten aber auch diese Systeme keinen hundertprozentigen Schutz, weshalb überwachte Parkhäuser, Fahrradboxen etc., zusätzlich zu Abschließmöglichkeiten, unentbehrlich bleiben.

Umsetzung

Große Teile der Bevölkerung, Verbände, Verkehrsexperten und zahlreiche Politiker fordern eine Verkehrswende und mehr Platz bzw. eine höhere Gewichtung für den Radverkehr. Gerade Bewohner von Städten zeigen sich offen für nachhaltige Mobilität, aber auch ländliche Regionen mit einer guten Radinfrastruktur beweisen, dass Menschen gerne aufs Fahrrad, Lastenrad oder E-Bike umsteigen, wenn die äußeren Bedingungen stimmen. Folgende Empfehlungen sind im Sinne einer optimalen Infrastruktur aus unserer Sicht wichtig für die Zukunft.

  • Abbau von unnötigen Hemmnissen für schnelle E-Bikes 45. Gerade diese Klasse ist für viele Pendler ein idealer Autoersatz. In den Benelux-Ländern sind sie äußerst beliebt und die Schweiz verzeichnet einen Marktanteil von 12 Prozent an den insgesamt verkauften E-Bikes. In Deutschland ist der Anteil, vor allem aufgrund restriktiver Regeln, bislang leider marginal. Deshalb plädieren wir für eine generelle Freigabe von außerörtlichen Radwegen für E-Bikes45. Innerorts sprechen wir uns für die Zulassung auf geeigneten Radwegen, Radschnellwegen und wichtigen Verbindungsstrecken durch eine gesonderte Beschilderung und ggf. Tempobegrenzungen aus.
  • Der Ausbau von Radschnellwegen und Radschnellverbindungen ist ein schnell umsetzbares, nachhaltiges und im Vergleich kostengünstiges Mittel zur Verkehrsverlagerung und Reduzierung von Staus. Untersuchungen zeigen, dass Schnellverbindungen hervorragend angenommen werden und optimal sind für längere Pendlerstrecken per Fahrrad und E-Bike.
  • Gerade für Pendler ist es nötig durchgehende Radwegenetze zwischen Kommunen zu schaffen oder zu optimieren. Experten weisen darauf hin, dass bereits wenige Gefahrenstellen auf der Route den Umstieg aufs Rad verhindern und fordern eine deutlich stärke Zusammenarbeit über kommunale und Ländergrenzen hinaus.
  • Politische Entscheider und die Verwaltung können die Sicherheit von Rad- und E-Bike-Fahrern durch infrastrukturelle Maßnahmen ebenso erhöhen wie durch Kontrollen des fließenden und ruhenden Verkehrs sowie Aufklärungsarbeit und Kampagnen für ein besseres und rücksichtsvolleres Miteinander.